Ötztal-Tour August 2007

Mehrtägige Hüttentour mit Gipfelbesteigung Wildspitze (3.768m)
Vent -  Breslauer Hütte - Wildspitze - Vernagthütte - Saykogel - Bella Vista- Hütte - Vent

Ich fall gleich mal zu Beginn - nein, nicht vom Berg, sondern mit der Tür ins Haus: Was für eine schöne Tour! Sehr empfehlenswert!!

Nach mehreren Abstechern in die Schweizer, die italienischen und deutschen Alpen besuche ich erstmals Ötztal und Umgebung. Und das auch noch spontan, 2 Tage der mentalen und equipment-technischen Vorbereitung müssen genügen. Da auch noch Not am Partner war, sprich: meinem Spontanitätsniveau kein Freund standhalten konnte, gehe ich es diesmal solo an. Dass es deswegen eine solch phantastische Tour wurde, diesen Verdacht verweise ich aber unmittelbar ins Reich der Mythen. Nach etwa 11stündiger Anreise (9h Bahn ab Berlin, ab Ötztal Bahnhof noch mal 2h Bus) lange ich am Abend des 30.07. gegen 18.00 in Vent an. Zeitlich hinreichend verkalkuliert, bricht mir auch schon die erste Tour-Variante weg: statt direkt im Anschluß zur Martin-Busch-Hütte aufzusteigen, muss ich meiner eigenen Spontaneität Tribut zollen und mir ein Quartier am letzten Zipfel des Ortes nehmen. Da mir mit Ausnahme von Gurt und Helm auch einiges Eisen- /Pickel-Equipment und das genaue Wissen um höhere Ötztaler Gipfel fehlen, ist das gleichzeitig ein Glücksfall, kann ich doch noch am selben Abend eine geführte Wildspitz-Besteigung klarmachen.

Somit wären die Prämissen gesetzt, kurzerhand drehe ich den usprünglichen Tourenplan-Urzeigersinn meiner Ötztal-Umquerung komplett um und starte nach gerechtem Schlaf um 7.00 des darauffolgenden Morgens. Auf nicht gerade auffallend schönem, da von einigen Liftanlagen gesäumtem Terrain, begebe ich mich bei immer besser werdendem Wetter leicht ansteigend Richtung Breslauer Hütte. Nach 1,5h sehe ich das für Hütten recht opulente Anwesen, wende mich aber zunächst ab und erklimme zur Akklimatisierung das "wilde Maennle" (3.023m), das bei inzwischen optimalen Bedingungen bereits erstes euphorisches Herzhüpfen verursacht, sehe ich mich doch bereits mit Tirols höchstem Gipfel, der Wildspitze (3.768m), vis á vis konfrontiert. Das geht ja schon mal gut los, und da bis zum frühen Abendessen noch Zeit ist, begehe ich anschließend direkt oberhalb der Breslauer Hütte noch den Urkundkolm (3.134m), der in die fein-felsige "Ötztaler Urkund" (ca. 3.554m) mündet und den Kletterzugang zum alles überragenden Gipfel freigibt. Ein ausdrücklich zu lobendes dreigängiges Dinner leitet nunmehr den Abend ein, gefolgt vom gemütlichen Geplauder mit dem Venter Bergführer und den Gefährten, die den Wildspitz-Aufstieg am kommenden Morgen mit mir gemeinsam vorhaben. Dichtes Gedränge um halb 5 zum Frühstück - nahezu die ganze Hütte hat sich schon früh aufgemacht, vom Berg herbeigerufen. Nix mit Andacht und Schläfrigkeit beim Kauen und Verdauen, hier wird nur einverleibt, was in den Leib gehört, ohne unnötige Gourmet-Allüren.

Es gilt, den in eisiges Weiß gewandeten Felskoloss noch vor den sich einstellenden sicht- und spürbaren Folgen seines Sonnenbades - denn Sonne war reichlich durch den Hüttenwirt angekündigt - zu bezwingen. Was nach 4,5h auch gelungen ist. Einige etwas schwierigere, eisige, etwa 30-35°-Passagen haben wir hinter uns gelassen. Wir genießen, gemeinsam mit einigen Kletterern den majestätischen Rundblick, stahlblauer Himmel, vollkommen unbeeinträchtigt durch lästige Wolken. Ca. 100 km Weite vor den Augen, die Zugspitze, die Bernina, Großglockner und -venediger, der Ortler. Dann südlich die Sella-Gruppe, und weitere Dolomiten-Spitzen durchbrechen die Nebelmeere. Phantastisch!

Ein wenig vertrieben von immer weiteren heraufströmenden Seilschaften, verlassen wir den Gipfel und benötigen etwa 4h für die Rückkehr zur Breslauer Hütte, wo wir uns ein wenig stärken, ein Gipfelschnapserl inhalieren und uns Lebewohl sagen. Es war eine nette Seilschaft mit einem blutjungen, dennoch routinierten und kompetenten Führer an der Spitze (sein Name ist mir leider entfallen; tröstlicherweise eine Kontaktadresse nicht: www.bergfuehrer-vent.at .) Und die Hütte ist eine sehr schöne, rustikale Behausung, mit freundlichen, aufmerksamen Wirtsleuten und ausgesprochen wohlschmeckender leiblicher Versorgung. Ich für meinen Teil setze meinen Gang fort, habe die Vernagthütte auf dem Kieker, die mir auf etwa 2,5 stündigem, großartigem Höhenweg vor die Augen tritt. Allein mit sich und der Berg- und Gletscherwelt, ach ja, auch mit Schafen, Grillen, Bergkräutergärten und sonst nix. Berauschend. Bald öffnet sich unversehens ein neues Tal und der suchende Blick ertastet die Vernagthütte. Ein reichlich sportiver Tag neigt sich sehnsüchtig dem Ende entgegen. In der Behausung wird ein reichhaltiges, sättigendes Mahl gereicht, die Unterbringung ist mehr als karg, ebenso die Freundlichkeit der Bediensteten des Wirtes. Mehr gibt es zur Vernaghütte nicht zu sagen. Der Morgen danach bahnt sich erneut früh seinen Weg. Schließlich ist heut der letzte vollwertige Alpentag. Auf dem Programm stehen Kreuzspitze (3.457m) mit anschließendem Gang zur Similaunhütte (2h), dortiger Übernachtung und Retour über Martin-Busch-Hütte nach Vent. Sicherheitshalber erkundige ich mich vor den entscheidenden Gabelungen mittels moderner kabelfreier Übertragungstechnik nach Kapazitäten auf beiden Hütten, ohne positive Auskunft. Beide überfüllt, und an einem mir als Alpenvereinsmitglied nicht abzuschlagenden Quartier auf dem Wirtsraumboden hab ich denn doch kein ausuferndes Interesse. Somit geht´s in die andere Richtung auf einen Liter Apfelschorle, aber auch im malerisch gelegenen und von der Brandenburger Sektion betreuten Hochjochhospiz sind keine Betten oder Lager frei. Bleibt nur die konsequent westliche Richtung: rauf auf den Saykogel (ca. 2.300) und sodann zur Bella Vista-Hütte, bereits in Südtirol gelegen. Auch diese Tour ist absolut lohnend, nur beeinträchtigt durch heraufziehende Dunkelwolken, heftiges Gewitterleuchten und amtliche Blitzorgien kurz vor dem rettenden Refugium, das sich leider mit ganz und gar nicht wildromantischen Lift-Wäldern und Ski-Wiesen umgeben hat und auf diese Weise ihrem Namen nicht ganz gerecht wird. Umso überraschender das luxuriöse Ambiente der "Schönen": einfach, aber hübsch rustikal eingerichtet, freundlich bewirtschaftet, kredenzt man hier dem hungrigen Wildläufer ein deliziöses 4-Gänge-Menue, das offenbar dem in der hütteneigenen Sauna (!) erfahrenen Labsal die genüssliche Krone aufsetzen will. Einfach köstlich und ohne die schaurige Ski-Gebiets-Verheerung durchaus empfehlenswert. Nach solcherlei Verwöhnung und intensiv genossener Nachtruhe schwingt sich der Verfasser noch vor Morgengrauen an den Frühstückstisch und sodann in die hochschaftigen Schuhe, um einen 3stündigen Regentrip hinunter ins Tal anzutreten. Aber wirklich 3h lang Regen, kombiniert mit schneidenden Winden und gänzlich unattraktiven 8 Grad Luft- und Bluttemperatur. Vorbei an der Rofenalm samt legendärem (?) Geierwallyhof geht´s aus dem himmlischen Gipfeluniversum zurück in die Niederungen des urbanen Daseins. Aber der Berg ruft ja immer wieder!